Cerro Torre

Die Erstbesteigung:

Der Cerro Torre ist ein Berg mit Mythos, dessen Erstbesteigung Kontroversen in Bergsteigerkreisen auslöste, wie es bei keinem anderen Berg der Erde der Fall war. Vor 40 Jahren zogen der Italiener Cesare Maestri, die Spinne der Dolomiten, wie er genannt wurde, und der Österreicher Toni Egger, einer der besten Eiskletterer seiner Zeit, aus, um diese gigantische Felsnadel zu besteigen. Maestris Bericht zu Folge erreichten sie am 30. Jänner 1959 den Gipfel des 3128m hohen Cerro Torre. Ihre Route führte sie über den Sattel der Eroberung durch die Nordwand. Oben angekommen schlug das Wetter, das eines der größten Probleme beim Bergsteigen in Patagonien darstellt, um. Es stand ein schwieriger Abstieg bevor. Am zweiten Tag ereignete sich die Tragödie. Toni Egger wurde von einer Eislawine erfasst und in die Tiefe gerissen. Einen Tag später wurde Cesare Maestri am Ende seiner Kräfte in der Nähe des Lagers im Schnee liegend gefunden. Diese Route konnte bis heute nicht wiederholt werden. Zweifel über die Erstbesteigung tauchten auf. 1970 kehrte Maestri wieder zum Cerro Torre zurück, diesmal war er mit einem benzinbetriebenen Kompressor ausgerüstet, mit dem er unzählige Bohrhacken setzte und mit deren er Hilfe er über den Südostgrat hinaufkletterte. Beim Abseilen schlug er, um seinen Kritikern eins auszuwischen, die Bohrhacken der letzten Seillänge ab. Den Kompressor ließ er in der Gipfelwand, wo er auch heute noch hängt. Abermals löste er mit dieser Begehung gewaltige Reaktionen unter den Bergsteigern und Kletterern aus. Viele waren über seinen Begehungsstil empört.

Cerro Torre - Klettern in Patagonien

Patagonien, an der Südspitze Südamerikas, ist ein Traumland für Bergsteiger und Abenteuersuchende. Im argentinischen Teil der Anden steht ein steil in den Himmel ragender Berg, der Cerro Torre. Dieser, einer der formschönsten Berge der Erde, war unser Traumziel. Wir, das sind Toni Neudorfer und Norbert Reizelsdorfer. Unser Ziel war es, den Cerro Torre über die Kompressor-Route (6+/A2/85°) zu besteigen. Am frühen Nachmittag des 29. Jänner 1998 kamen wir mit dem Autobus in El Chalten an. Es war sonnig und das soll hier in diesem Winkel von Patagonien eine Seltenheit sein, so wurde uns zumindest zu Hause berichtet. Schönwetter dauert hier durchschnittlich eineinhalb Tage, und eine Schönwetterperiode von 3-4 Tagen, die man für eine Besteigung benötigt, ist schon sehr selten. Wir engagierten einen Gaucho, der uns unser Gepäck mit Pferden ins Camp Bridwell, dem Basislager, transportierte. Zu Fuß gingen wir hinterher und genossen die wunderbare Natur. Gespannt und erwartungsvoll warfen wir immer wieder einen Blick zum Ende des Tales, doch der Berg unserer Träume war von dichten Wolken umhüllt. Im Basislager angekommen begrüßte uns ein Amerikaner und erzählte uns, dass das Wetter während des letzten Monats extrem schlecht war und dass es niemandem gelungen war, den Cerro Torre zu besteigen. Worauf ich erwiderte. "Gut so, dann muss es bald schön werden, und außerdem sagt ein Sprichwort: Wenn Engelein reisen, wird sich das Wetter weisen". Der Amerikaner grinste. Noch wusste er nicht, dass ich Recht hatte. Am nächsten Tag war das Wetter jedoch schlecht, der Wind fegte durch das Lager. Sollte ich mich geirrt haben? Nein ich glaubte es nicht. Wir richteten uns unseren Lagerplatz gemütlich mit Tisch und Sitzbank aus Steinen und Baumstämmen ein, und erkundeten noch am selben Tag den Weg zum Cerro Torre. Am nächsten Tag wurde ich frühmorgens von Norbert geweckt. "Schnell, schnell der Berg ist frei." Ich sprang aus meinem Schlafsack und eilte zum Aussichtspunkt. Da stand er im Morgenlicht, in all seiner Pracht, steil und elegant. Die obere Hälfte war in Weiß gehüllt, dick mit Eis bepackt. Wir brachten den Mund vor lauter Staunen kaum zu. Die Fotos des Berges, die wir zu Hause gesehen hatten, waren schon beeindruckend, aber nicht zu vergleichen mit dem, was sich hier darbot. Wir packten hastig unsere Rucksäcke und brachen mit Minimalausrüstung auf. Das erste Hindernis befand sich schon 500 m nach dem Camp. Ein reißender Fluss, der Tage später ein Todesopfer fordern sollte, versperrte uns den Weg. Mit Hilfe einer Seilbrücke erreichten wir aber das sichere Ufer. Der weitere Weg führte uns über einen bewaldeten Moränenrücken an der Laguna Torre vorbei auf den spaltenreichen Torre Gletscher. Mühsam suchten wir uns einen Weg über die spaltenreiche Gletscherzunge und erreichten am Nachmittag das Ziel, das wir uns an diesem Tag gesetzt hatten, das Norwegerbiwak. Aus Gewichtsgründen wir hatten auf die Mitnahme der Schlafsäcke verzichtet, jetzt mussten wir es büßen. Frierend verbrachten wir eine lange Nacht. Am Tag darauf brachen wir um 5 Uhr früh auf. Die erste Etappe führte uns über eine ca. 800 m hohe, mit Fels durchsetzte, Eiswand. Die Felspassagen waren mit einer ein Zentimeter dicken Eisglasur überzogen und bescherte uns gleich zu Beginn nervenaufreibende Momente. Es war ein wahrer Eiertanz, denn es gab keine vernünftigen Sicherungsmöglichkeiten. Norbert meisterte diese Stelle aber bravourös. Noch zwei Seillängen und wir standen auf der Schulter. Mit gemischten Gefühlen begutachteten wir eine von Kletterern geschaufelte Schneehöhle, die mehr als eng war und als Schlafplatz diente. Mittlerweile war es Mittag geworden, wir wollten etwas zu essen kochen und dann weiterklettern. So hatten wir es zumindest geplant, aber wie so oft im Leben kommt es anders, als man denkt. Mit Schrecken mussten wir feststellen, dass unser Kocher nicht mehr funktionierte! Die Stimmung rutschte gegen Null, denn eines war uns klar: ohne etwas zu trinken konnten wir unmöglich weiterklettern. In der Zwischenzeit waren zwei Basken, Antxon und Ramon, auf der Schulter angekommen. Sie packten ihren Kocher aus den wir wehmütig fixierten. Als sie von unserem Problem erfuhren, boten sie uns ihren Kocher an. Wir überlegten kurz, und lehnten schweren Herzens dankend ab. Sie hatten auch nur das Notwendigste dabei, wenn wir deren Gas verbrauchten, könnte ihr selbstloses Verhalten sie den Gipfel kosten. Deprimiert traten wir den Weg nach unten an, deponierten allerdings den Großteil der Kletterausrüstung auf der Schulter. Ein großes Risiko, denn wenn das Wetter wieder schlecht werden sollte würden wir unsere Ausrüstung nie wieder sehen. Bei schönstem Wetter gingen wir den mühsamen Weg hinaus zum Lager, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir unsere Chance vergeben hatten. Die Basken kletterten noch am selben Tag weiter. Tage später trafen wir sie im Basislager wieder. Sie hatten die Besteigung abgebrochen, denn Antxon hatte einfach ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Auf unserem Heimweg nach Europa erfuhren wir, dass Antxon, der nach seiner missglückten Tour auf den Cerro Torre mit Freunden nach Chile zu den Paine Türmen aufgebrochen war, dort von einer Steinlawine erfasst und getötet worden war. Bei unserem zweiten Versuch mussten wir kurz nach dem Norwegerbiwak wegen schlechten Wetters umkehren. Bei unserem dritten Versuch, am 6. Februar hatten wir uns mit Verpflegung für zehn Tage und einem von einem Spanier geliehenen Kocher, eingedeckt. Wir beschlossen erst wieder ins Lager zurückzukehren, wenn entweder unsere Vorräte zu Neige gegangen waren oder wir den Berg bestiegen hätten. Unglaublich schnell waren wir beim Norwegerbiwak. Nachdem wir uns einquartiert hatten, zogen jedoch Wolken auf und es begann zu regnen. Im Biwak tröpfelte es unentwegt von der Decke. Auf besseres Wetter wartend und kartenspielend verbrachten wir den nächsten Tag. Norbert hatte leider kein Glück. Er gewann kein einziges Spiel. Am Abend meinte er frustriert: "Wenn wir wieder einmal gemeinsam unterwegs sind, kommen Spielkarten sicher nicht wieder ins Reisegepäck." In der darauf folgenden Nacht klarte es auf. Es war fünf Uhr, als wir aufbrachen. Da wir beinahe alles ungesichert kletterten erreichten wir zeitig die Schulter. Hier gruben wir den restlichen Teil unserer Kletterausrüstung aus, nahmen ein kräftiges Frühstück zu uns und kletterten weiter. Abermals zogen dichte Wolken auf die uns zum Rückzug zwangen. Wir ließen unsere Seile hängen und seilten zur Schulter ab, wo wir in der Schneehöhle übernachteten. Am nächsten Morgen versuchten wir erneut unser Glück. Wir entschieden uns, dass nur der Nachsteiger einen Rucksack mit Biwaksäcken, Daunenjacken, Handschuhen und dem Kocher tragen sollte. Die ersten Seillängen führten uns größtenteils über Fels mit Schwierigkeiten bis zum oberen sechsten Grad. Je höher wir kamen, umso mehr Eis befand sich in den Rissen. Ohne größere Probleme schoben wir uns Meter für Meter höher. Technische Passagen kletterten wir gleichzeitig. Das spart zwar Zeit ist aber gefährlicher und man musste sich hundertprozentig auf seinen Partner verlassen können. Immer wieder blickten wir beängstigt nach oben, denn hoch über uns thronten zwei riesige überhängende Eisgebilde. Kurz vor der 85° steilen Eispassage wurde es noch einmal spannend. Eine Haue meines Eisgerätes war gebrochen. Unglücklicherweise hatten wir keine Ersatzhaue dabei, deshalb wollte ich, der zum Führen an der Reihe war, eine von Norberts Eisgeräten herunter schrauben. Eine kurze Unachtsamkeit und diese Haue verschwand in der Tiefe. Verärgert sahen wir uns an, wir meistern die Situation jedoch ohne Probleme. Der Tag neigte sich allmählich seinem Ende und wir beschlossen, auf den Eistürmen zu biwakieren. Der Biwakplatz war zwar relativ sicher, dennoch stürzten an der Felswand abprallende Eisbrocken sehr nah an uns vorbei und ließen uns aufschrecken. Richtig gut schlafen konnten wir nicht, also verbrachten wir die Nacht mit kochen und Eis schmelzen. Der nächste Tag begann mit einem steilen Eisgrat, der uns direkt unter die Gipfelwand führte. Eine goldgelbe, senkrecht aufragende Granitwand erhob sich im Morgenlicht vor uns. Der Einstieg der ersten Seillänge hatte es aber in sich. Hier mussten Kletterstellen im sechsten Grad frei bewältigt werden. Danach klettern wir gleichzeitig über zwei Seillängen die Bohrhacken entlang, bis wir den Kompressor erreichten. Ein unbeschreibliches Gefühl überkam uns, als wir auf dem Relikt vergangener Tage Stand machten. Maestri und seine Mitstreiter hatten den Kompressor bis hier hochgezogen und dann hängen gelassen. Was muss das für eine beschwerliche Arbeit und Qual gewesen sein. Wir standen vor der letzten Seillänge, die die Schlüsselseillänge war. In dieser hatte Maestri beim Rückzug die Bohrhacken abgeschlagen. Ich stieg in die berüchtigte Bridwell-Seillänge, wie sie genannt wird, ein. Anfangs waren noch einige Bohrhacken vorhanden, dann musste ich mich an Alunieten, Cooperheads und wackeligen Messerhaken höher arbeiten. Norbert jümmert nach. Es würde schon halten, das alte Zeug, dachte ich - und es hat gehalten. Der Gipfel war nun zum Greifen nah. Norbert stieg das Gipfeleisfeld mit 30° Neigung, das uns jetzt sehr flach erschien, zum Gipfel rauf. Ich konnte es kaum erwarten, nach zu kommen. Am 10. Februar 1998 um 13 Uhr, 2 Tage nach unserem Aufbruch vom Norwegerbiwak, standen Norbert und ich am Gipfel. Wir fielen uns zu Tränen gerührt in die Arme. Erleichterung trat ein, endlich waren wir oben. Während des Aufstieges waren unsere Blicke immer wieder gen Himmelgewandert mit der Befürchtung, das Wetter könnte umschlagen und wir wären gezwungen knapp unterhalb des Gipfels umzukehren. Doch das Sprichwort: Wenn Engelein reisen ... hatte sich bewahrheitet. Überwältigt saßen wir oben und genossen die Aussicht auf die gewaltige Eismasse des patagonischen Inlandeises. Für den Abstieg benötigten wir sieben Stunden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Schneehöhle auf der Schulter. Wir kochten noch einmal groß auf und legten uns dann erleichtert schlafen. Der weitere Abstieg verlief reibungslos aber sehr mühsam. Große Freude kam aber erst nach einigen Tagen auf, und da wurde dann so richtig gefeiert.

Tipps:

Die Kompressor-Route gilt als der klassische Anstieg auf den Cerro Torre. Aufgrund der extremen Schwierigkeiten in Fels und Eis und den schnell wechselnden Wetterverhältnissen zählt der Cerro Torre zu den anspruchvollsten Bergen der Welt. Anreise: Mit dem Flugzeug nach Buenos Aires und weiter nach Rio Gallegos. Von dort mit dem Bus mit Zwischenstopp in Calafate nach El Chalten (2 Tage). Von El Chalten in einem 2-3 stündigen Fußmarsch zum Basislager Camp Bridwell. Zeltmöglichkeiten und Trinkwasser sind vorhanden. Besteigungsdauer: Je nach Verhältnisse 1-4 Tage. Beste Jahreszeit: Dezember bis Ende Februar. Organisation. Im Nationalparkhauptquartier in El Chalten muss man sich vor einer Tour anmelden (kostenlos). Außerdem erhält man interessante Informationen. Für jene die gerne etwas gemäßigter reisen ist Patagonien als Trekkingziel mit außergewöhnlichen Naturschönheiten und guter Infrastruktur zu empfehlen. Besonders begeistert haben uns die Wanderungen zu den Basislagern des Cerro Torre und des Fitz Roy. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen diesen beiden Lagern die allerdings oft gesperrt ist. Vorher Informationen im Nationalparkbüro einholen.

Literatur und Karten:

Maestri Cesare. (1963). Klettern ist mein Beruf. Verlag Huber & Co. AG. Buscaini Gino, Metzeltin Silvia. (1990). Patagonien, Traumland für Bergsteiger und Reisende. Bruckmann Verlag ISBN 3-7654-2262-2. Kearney Alan. (1993). Mountaineering in Patagonia. Cloudcape ISBN 0-938567-30-6. Radehose Eckehard. (20022). Traumberge Amerikas. Bergverlag Rother ISBN 3-7633-3006-2. Brunner A., Gantzhorn R. Patagonien und Feuerland. Bruckmann Verlag, ISBN 3-7654-3050-1. Dauer Tom. (2004). Cerro Torre - Mythos Patagonien. AS Verlag ISBN 3-909111-05-X. Monte Fitz Roy & Cerro Torre Trekking & Mountaineering Map 1:50.000, ISBN 1-879568-29-2.